«Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen,
war vor zwanzig Jahren.
Die nächstbeste Zeit ist jetzt.»

Unbekannt

 

Ich bin einfach über sie gestolpert.

Da gibt es diese Superfrau, die scheinbar unendliche Fähigkeiten besitzt, nie ermüdet und immer mit einem strahlenden Lächeln bezaubert. Sie spielt Tennis, schwimmt jeden Morgen ihre Bahnen … bei allen Temperaturen …, tanzt Jazz und verbiegt sich beim Yoga, spielt nebenbei Querflöte im Musikkorps, unterhält an Abenden mit Bauchreden und füllt grosse Konzertsäle mit ihren Arien. Daneben engagiert sie sich in unzähligen Vereinen, wenn sie nicht grad den Golfschläger schwingt, fährt Rennvelo und hat ein Ruderboot im Bootshaus am See. Sie zieht überall die Fäden, engagiert sich in etlichen Kommissionen, hat mehrere leitende Ämter inne. Eigentlich müsste ihre Woche 14 Tage haben, denke ich mir.

Umringt von zahlreichen Nachahmerinnen ist sie gern der Mittelpunkt, stellt ihre Familie in den Mittelpunkt. Die sie bekocht und bebäckt, rund um die Uhr bügelt und putzt das Haus blitzblank, und trotzdem verliert sie nie ihr strahlendes Lächeln. Das zeigt sie auch gern, mit ihren schneeweissen Zähnen, Perlen gleich aufgereiht im Mund, diesen umrahmt von tiefroten Lippen. In einem Gesicht, das aus einer Puderwerbung entsprungen zu sein scheint. Und wenn sie ihren Kopf in den Nacken wirft und scheinbar schwebend ihre Einkäufe macht, schaut die Männerwelt bewundernd hinter ihr her.

*  *  *

Wär ich gern wie sie?

Ich habe es in meinem Leben einfach nicht geschafft, über den Tellerrand hinaus mich zu engagieren und gesellschaftlich zu entfalten. Bin in keinem Verein, habe neben meinem Garten keine Hobbys ausser Lesen, und auch Gamen, ich turne nicht, verbiege mich auch nicht beim Yoga, fahre nicht Velo, singen kann ich schon gar nicht. Morgendliches Schwimmen ist mir zu früh, nehme lieber das Auto − weil ich kein Velo habe…

Putzen tut mein «Bubi», mein Saugroboter, der nach Programm den Boden wischt. Ich hab ihn gern und sag ihm das auch. Im Garten mäht mein «Bürschchen», der Mähroboter, der programmiert seine Bahnen zieht. So hat meine Woche 7 Tage, an denen ich mich selbst verwirkliche, ohne mein strahlendes Lächeln zu zeigen. Das sehen meine fleissigen Helferlein, wenn ich ihnen beim Staubsaugen und Rasenmähen zuschaue, während ich mit hochgelagerten Beinen einen Kaffee geniesse.

Macht mich das auch zu einer Superfrau?

Eines weiss ich, ich musste ein Superkind gewesen sein.

Denn ich konnte die grössten Seifenblasen herstellen, die es je zu sehen gab. Sie spannten sich über das ganze Abwaschbecken. Diese in Regenbogenfarben schillernden Blasen waren das Highlight meiner Abwaschtage, meist am Mittwochnachmittag. Kleinere flogen in der ganzen Küche herum, bewunderten die Standhaftigkeit ihrer grössten Seifenblasenschwester über dem Abwaschbecken und tänzelten zum Fenster hinaus, glitzerten im Sonnenlicht, bis sie zerplatzten. Meine Finger waren nach stundenlangem Produzieren schrumpelig und die Flasche Abwaschmittel leer.

Meine Nachbarin amüsierte sich – sie wusste, wer Küchendienst hatte, denn nebst den Seifenblasen hörte sie auch die Waschmittel- und andere Werbeslogans, die ich den Nachmittag lang zum Besten gab. «Tippedidu, gelegt im Nu, Strähne für Strähne mit Tippedidu!»

Und dann, oh Schreck, die Minute nahte, wo meine Mutter nach Hause kam, und das Geschirr war noch immer nicht gewaschen. Ruckzuck war das dann erledigt und ein wunderbarer Nachmittag mit der grössten Seifenblase, die die Welt je gesehen hatte, ging zu Ende. Ich war glücklich!

 

 

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